Aufgabe #39
Wer bekommt die Wohnung?
Autoren: Dr hab. Małgorzata Szkup
30–60 minutes
Beschreibung
Eine Werteklärungsübung, bei der die Studierenden als Wohnungseigentümer auftreten und unter vier Kandidaten aus sozial ausgeschlossenen oder stigmatisierten Gruppen wählen. Durch die individuelle Wahl und Gruppendiskussion entdecken sie, wie Stereotypen und unbewusste Vorurteile alltägliche Entscheidungen prägen — mit direkter Relevanz für klinische Interaktionen mit Patienten unterschiedlicher Herkunft.
Methodischer Leitfaden
Ziele
Bewusstsein der Studierenden dafür schärfen, dass alltägliche Entscheidungen durch Stereotypen und Vorurteile geprägt sein können. Kritisches Reflexionsvermögen bezüglich eigener Entscheidungen entwickeln. Mechanismen sozialer Ausgrenzung und deren Auswirkungen verstehen. Offenheit und Empathie gegenüber stigmatisierten Gruppen fördern. Dialog- und Argumentationsfähigkeiten üben.
Erwartete Ergebnisse
Nach Abschluss der Übung sollten die Studierenden in der Lage sein: zu erkennen, wie Stereotype und unbewusste Vorurteile alltägliche Entscheidungen beeinflussen können. Ihre eigenen Entscheidungsprozesse und zugrunde liegenden Annahmen kritisch zu reflektieren. Größere Offenheit und Empathie gegenüber Personen aus sozial ausgegrenzten oder stigmatisierten Gruppen zu zeigen. Erkenntnisse aus der Übung auf professionelle Interaktionen mit Patienten aus verschiedenen kulturellen und sozialen Hintergründen anzuwenden. Sich an einem konstruktiven Dialog zu beteiligen, ihre Entscheidungen zu begründen und alternative Perspektiven zu berücksichtigen.
Übungsablauf
Einführung (2–3 Min.): Erklären Sie, dass die Studierenden sich vorstellen, Wohnungseigentümer zu sein und unter vier Kandidaten zu wählen. Individueller Teil (2–3 Min.): Kandidatenprofile lesen und Wahl mit Begründung notieren. Gruppendiskussion (5–8 Min. pro Gruppe × 4 Gruppen): Gruppen begründen ihre Wahl; Facilitator achtet auf stereotypische Formulierungen. Plenum (10–12 Min.): Diskussion über stereotype Beschreibungen. Zusammenfassung (15 Min.): Erklärung, wann Stereotypen am ehesten aktiviert werden. Abschlussreflexion: Antwort auf die Reflexionsfrage.
Durchführungsform
Stufe 1 — Einzelarbeit (Entscheidung treffen). Stufe 2 — Gruppenarbeit (Diskussion). Stufe 3 — Lehrperson (Zusammenfassung des Facilitators).
Rolle der Lehrkraft
Die wichtigste Rolle: aufmerksamer Beobachter! Leiter und Moderator — begleitet die Übung, ohne die Entscheidungen der Studierenden zu bewerten, und konzentriert sich stattdessen auf die Anregung von Reflexion und Diskussion. Reflexionsprovokateur — stellt Fragen, die verborgene Annahmen aufdecken und die Studierenden zum kritischen Nachdenken über ihre Entscheidungen herausfordern. Gruppenfacilitator — sorgt für eine Atmosphäre der Sicherheit, des Vertrauens und des Respekts und ermutigt alle Studierenden, ihre Perspektiven zu teilen. Praxisverbinder — hilft den Studierenden, Erkenntnisse aus der Übung mit realen klinischen Kontexten und interkulturellen Patienteninteraktionen zu verknüpfen.
Theoretische Grundlagen
Die Übung basiert auf den Prinzipien des transformativen Lernens: Desorientierendes Dilemma (Studierende konfrontieren sich mit Annahmen zur Mieterwahl), Kritische Reflexion (Analyse der Entscheidungsfindung und impliziter Vorurteile), Dialog und Handeln (Gruppenvergleich der Entscheidungen fördert Diskussion über Vielfalt, Fairness und Inklusion).
Praktische Anwendung
Fördert Bewusstsein in der beruflichen Praxis: Erkennen, wie implizite Einstellungen die Zusammenarbeit mit Kollegen, Kunden oder Patienten beeinflussen können. Verbesserte Kommunikation: Verstehen, wie auf Stereotypen basierende Urteile Barrieren schaffen und den Vertrauensaufbau behindern können. Ethische Sensibilität: Wertschätzung der Bedeutung von Fairness, Inklusion und Gleichheit in Entscheidungsprozessen. Transfer auf reale Kontexte: Vorbereitung der Studierenden auf die kritische Bewertung ihres eigenen Denkens bei Entscheidungen, die andere betreffen, insbesondere Personen aus marginalisierten Gruppen.
Wissenstransfer
Die Übung hilft den Studierenden zu erkennen, wie kultureller Hintergrund und unbewusste Annahmen alltägliche Entscheidungen formen. Die Studierenden erkennen die Rolle von Stereotypen und beginnen, die Neutralität ihrer eigenen Urteile zu hinterfragen. Erkenntnisse können in beruflichen Kontexten mit vielfältigen Personen angewandt werden. Gruppenvergleich und Diskussion stärken das kritische Bewusstsein und fördern kulturelle Bescheidenheit für zukünftige Interaktionen.
Festigung und Reflexion
Die Studierenden werden ermutigt, über ihren eigenen Entscheidungsprozess als Teil der Entwicklung kultureller Kompetenz nachzudenken. Das Führen eines Reflexionstagebuchs hilft ihnen, persönliche Erkenntnisse festzuhalten, z. B.: 'Was hat meine Wahl heute beeinflusst, und was verrät das über meine Annahmen?' Diese Selbstreflexion unterstützt langfristiges Wachstum, indem sie Studierende achtsamer gegenüber verborgenen Vorurteilen und konsequenter im Praktizieren von Fairness und Offenheit macht.
Benötigte Ressourcen
Elektronische Geräte wie Tablets, Smartphones oder Laptops mit Zugang zur MultiCultiMed-Plattform. Internetverbindung für den Zugang zur Übung auf der Plattform. Ein Raum, der groß genug ist, um Bewegung und Zusammenkommen in 4 Gruppen zu ermöglichen.
Bewertung / Evaluation
Schriftlicher Reflexionseintrag; Beobachtung der Gruppeninteraktion und Argumentation; Fähigkeit, Erkenntnisse mit realen klinischen Szenarien zu verbinden.
Praktische Tipps
Denken Sie daran, im ersten Teil der Diskussion nicht zu stark einzugreifen. Hören Sie stattdessen sehr aufmerksam zu und notieren Sie alle Aussagen, die Stereotype widerspiegeln. Diese Kommentare werden am häufigsten von Studierenden kommen, die einen anderen Wohnungskandidaten gewählt haben als die Gruppe, die gerade ihre Entscheidung erklärt. Seien Sie aufmerksam!
Diskussionsthemen
Warum haben Sie diese Person gewählt? Was machte diesen Kandidaten für Sie überzeugender oder attraktiver als die anderen? Welche Eigenschaften oder Informationen waren bei Ihrer Entscheidung am wichtigsten? Hat Sie etwas zögern lassen, bevor Sie sich entschieden? Wenn Sie Ihre Wahl jemand anderem erklären müssten, was würden Sie betonen? Wie beeinflussen meine eigenen Annahmen die Art, wie ich andere bewerte — und wie könnte sich das auf Patientenbeziehungen in meiner zukünftigen Praxis auswirken?
Weitere Ressourcen
Lausi, G. et al. (2024). How cognitive processes shape implicit stereotypes. Open Research Europe, 4, Article 263. | Ranganathan, A. (2025). Causal factors of implicit stereotypes. SSRN Electronic Journal. | Schmader T, Dennehy TC, Baron AS. Why Antibias Interventions (Need Not) Fail. Perspect Psychol Sci. 2022;17(5):1381-1403. | Brescoll, V., & Uhlmann, E. (2024). Gender heuristics. Political Psychology. | Cheon, H., & Yip, T. (2023). Social dominance orientation. Frontiers in Psychology, 14, 1124781. | Hung, T. W. (2023). Why Human Prejudice is so Persistent. Social Epistemology, 37(6), 779–797.
Zusätzliche Bemerkungen
Diese Übung hat absichtlich keine richtige Antwort. Die vier Kandidaten (Pierre, Olivia, Nadia, Borys) stammen aus Gruppen, die häufig sozialer Ausgrenzung und Stigmatisierung ausgesetzt sind. Die pädagogische Absicht ist es, implizite Vorurteile durch den Kontrast zwischen individueller privater Wahl und öffentlicher Gruppenbegründung sichtbar zu machen.