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Aufgabe #21

Versorgung einer Patientin aus der Romani-Kultur

Autoren: Dr n. zdr. Aleksandra Brodowska

70-75 minutes

Versorgung einer Patientin aus der Romani-Kultur

Beschreibung

Eine medizinische Simulation, in der Studierende Esmeralda Mirga, eine 30-jährige Romani-Patientin, die nach einem Verkehrsunfall hospitalisiert wurde, versorgen.

In rollenzugewiesenen Gruppen navigieren Studierende die Komplexität der Kommunikation mit der Patientin und ihrer großen multigenerationellen Familie, respektieren dabei das Romani-Konzept marime (Reinheit und Unreinheit), managen Emotionen unter Druck und wenden das EMPOWER-Modell kulturell bescheidener Praxis an.

Methodischer Leitfaden

Ziele

Das Bewusstsein der Studierenden für den Einfluss eigener kultureller, emotionaler und kognitiver Filter auf die Kommunikation mit einer Patientin romani-stämmiger Herkunft schärfen.
Kompetenzen für die Kommunikation mit einer großen Familiengruppe in Situationen kultureller Spannung entwickeln.
Fähigkeiten im Umgang mit Emotionen und der Dynamik eines multigenerationellen Familiensystems stärken.
Eine respektvolle Haltung gegenüber dem Romani-Konzept marime (Reinheit und Unreinheit) formen.
Bewusstsein dafür schärfen, wie Stereotypen und Vorurteile die therapeutische Beziehung beeinflussen.
Das EMPOWER-Modell in der klinischen Praxis bezogen auf die Romani-Gemeinschaft implementieren.
Professionelle Kompetenzen mit kultureller Bescheidenheit integrieren.

Erwartete Ergebnisse

Nach Abschluss der Übung sollten die Studierenden in der Lage sein:
Kulturelle Elemente zu identifizieren, die die Kommunikation beeinflussen (Konzepte der Unreinheit, Geschlechterrollen und die Anwesenheit einer großen Familiengruppe).
Die Komponenten des EMPOWER-Modells zu benennen, die bei der Versorgung der Patientin angewendet wurden.
Schlussfolgerungen zu formulieren, wie die Simulationserfahrung in die berufliche Praxis übertragen werden kann.
Eigene emotionale Reaktionen und mögliche Stereotype gegenüber Romani-Patientinnen und -Patienten zu analysieren.
Ein vertieftes Verständnis dafür zu entwickeln, wie der kulturelle Kontext die Interpretation von Informationen und die Kommunikation im beruflichen Umfeld beeinflusst.

Übungsablauf

Phase 1 – Vorbriefing (20 Min.): Studierende über Thema, Ziel und Struktur informieren. Eröffnungsfragen stellen. Fallbeschreibung vorstellen. Rollen zuweisen: Studierende 1–4 (aktiv) und Beobachter 1–4 (EMPOWER-Rollen).
Phase 2 – Einführung in die Simulationsumgebung (5 Min.): In den Simulationsraum gehen. Mit Manikin und Dokumentation vertraut machen.
Phase 3 – Szenario (15–20 Min.): Chirurgische Station, zweiter Hospitalisierungstag. Die Familie begleitet Esmeralda und möchte bei den Messungen anwesend sein. Patientin und Mutter protestieren vehement, wenn Studierende die Patientin zum Duschen auffordern.
Phase 4 – Nachbesprechung (30 Min.): Analyse der wichtigsten Lernmomente. Reflexion über das Konzept marime. Selbsteinschätzung der Kompetenzen auf einer Skala von 1–10.

Durchführungsform

Gruppenbasierte medizinische Simulation (4 aktive Studierende + bis zu 4 beobachtende Studierende). Phase 1: Vorbriefing (20 Min.). Phase 2: Einführung in die Simulationsumgebung (5 Min.). Phase 3: Szenario (15–20 Min.). Phase 4: Nachbesprechung (30 Min.).

Rolle der Lehrkraft

Leitung und Moderation — führt das Vorbriefing und die Nachbesprechung durch, stellt Eröffnungsfragen, paraphrasiert und wendet motivierende Gesprächsführung sowie empathische Kommunikation an. Spiegelt Aussagen und Verhaltensweisen der Studierenden wider und unterstützt sie bei der Identifikation eigener Stereotype und Vorurteile. Reflexionsfacilitator — stellt Fragen, die die Annahmen und Vorurteile der Studierenden hinterfragen. Unterstützt die Transformation von «Ich habe etwas falsch gemacht» zu «Was habe ich heute über mich selbst und die Patientin gelernt?» Gruppenfacilitator — sorgt für eine Atmosphäre der Sicherheit, des Vertrauens und des gegenseitigen Respekts. Simulationsinstruktor — stellt sicher, dass die Simulation den Sitzungszielen folgt, und führt die Studierenden in die Simulationsumgebung ein. Beobachter — analysiert das Szenario und wählt Schlüsselmomente für die Nachbesprechung aus.

Theoretische Grundlagen

Die Übung basiert auf dem EMPOWER-Modell (Effectiveness, Multicultural, Professionalism, Wellness, Educational Resources), angewandt auf die klinische Praxis mit der Romani-Gemeinschaft. Sie stützt sich auf die Theorie des transformativen Lernens: Ein desorientierendes Dilemma konfrontiert die Studierenden mit der Spannung zwischen den Stationsroutinen und dem Bedürfnis der Patientin nach familiärer Anwesenheit und kultureller Sicherheit. Kritische Reflexion während der Nachbesprechung ermöglicht es den Studierenden, eigene Stereotype zu erkennen, Kommunikationsstrategien zu analysieren und Pläne zu entwickeln, die berufliche Kompetenz mit kultureller Bescheidenheit verbinden.

Praktische Anwendung

Studierende erleben ein desorientierendes Dilemma, wenn die zahlreiche Anwesenheit der Familie der Patientin den Stationsablauf zu stören scheint, eine tiefere Interaktion jedoch zeigt, dass sie eine entscheidende Quelle der Unterstützung und Sicherheit für die Patientin darstellt. Sie werden mit Stereotypen über die Romani-Gemeinschaft als «fordernd» konfrontiert, während sich die emotionalen Reaktionen der Familie als Ausdruck von Fürsorge und kulturell begründeter Verpflichtung erweisen. Sie begegnen dem Konflikt zwischen individueller medizinischer Autonomie und der Erwartung der Patientin an eine kollektive familiäre Entscheidungsfindung.

Wissenstransfer

Die während der Simulation gewonnene Erfahrung ermöglicht es den Studierenden, ein Bewusstsein für eigene emotionale Reaktionen und Stereotype zu entwickeln und die Fähigkeit zur kritischen Analyse kultureller Determinanten im Gesundheitsprozess zu fördern. Die in diesem Szenario erworbenen Kompetenzen sind universell — sie lassen sich auf andere klinische Kontexte übertragen, die kulturelle, religiöse oder weltanschauliche Unterschiede beinhalten. Die Teilnehmenden lernen, dass die Prinzipien kultureller Bescheidenheit, der Aushandlung von Lösungen und der Suche nach Kompromissen zwischen medizinischen Anforderungen und Patientenwerten nicht nur für ethnische Minderheiten gelten, sondern auch für Patientinnen und Patienten mit unterschiedlichen Wertesystemen, Lebensstilen oder religiösen Überzeugungen.

Festigung und Reflexion

Reflexionstagebuch-Impulse:
Wie habe ich die Anwesenheit der großen Familie der Patientin wahrgenommen — als Unterstützung oder Hindernis?
Wie kann ich die Prinzipien der Reinheit und Unreinheit (marime) in die Praxis integrieren, ohne die klinische Sicherheit zu gefährden?
Wie habe ich auf die Erwartung der Patientin an eine kollektive familiäre Entscheidungsfindung reagiert?
Welche Kommunikationsstrategien haben mir geholfen, das Vertrauen der Patientin und der Familie aufzubauen?
Bin ich mir während der Simulation etwaiger Stereotype bewusst geworden, die ich gegenüber Roma haben könnte?

Benötigte Ressourcen

Simulationspatienten oder High-Fidelity-Manikins, die Esmeralda und Familienmitglieder darstellen. Aufgabenblätter und Klemmbrett mit Notizblöcken für Beobachter. Whiteboard oder Flipchart mit Markern. Vitalzeichentafel oder elektronisches Dokumentationssystem. Messinstrumente (Blutdruckmanschette, Thermometer). Hygieneartikel: Reinigungsmittel, Handtücher, zwei Schüsseln, Taschentücher. Kräuter und Lebensmittelpakete (mitgebracht von der simulierten Familie). Kostüme für Esmeralda (langer Rock, Kopftuch, Armbänder) und ihre Mutter.

Bewertung / Evaluation

Selbsteinschätzung: Studierende bewerten ihren Kompetenzzuwachs in der Versorgung einer Patientin aus der Romani-Gemeinschaft auf einer Skala von 1 bis 10. Beobachter-Feedback: Jeder Beobachter teilt Erkenntnisse basierend auf seiner EMPOWER-Rolle (Effectiveness, Multicultural, Professionalism, Wellness/Educational Resources). Nachbesprechungsdiskussion: gemeinsame Analyse der Kommunikationsstrategien, identifizierten Stereotype und Pläne für die berufliche Praxis.

Praktische Tipps

Unterbrechen Sie die Simulation nach ihrem Beginn nicht — lassen Sie die Studierenden gemeinsam nach Lösungen suchen. Schaffen Sie eine sichere Kommunikationsumgebung, damit die Studierenden ihre Beobachtungen und Emotionen offen besprechen können. Wenden Sie die Prinzipien der motivierenden Gesprächsführung und der gewaltfreien Kommunikation an. Nutzen Sie Affirmationen, Paraphrasierung und Klärungsfragen sowohl im Vorbriefing als auch in der Nachbesprechung. Bieten Sie keine ärztliche Konsultationsmöglichkeit an — das Szenario erfordert, dass die Studierenden die kulturelle und klinische Spannung eigenständig lösen.

Diskussionsthemen

Die Rolle der Familie in der Patientenversorgung — wie findet man ein Gleichgewicht zwischen den organisatorischen Anforderungen der Station und dem Bedürfnis der Patientin, Angehörige bei sich zu haben?
Die Grenzen des kulturellen Kompromisses — inwieweit kann sich das Gesundheitspersonal an die Gepflogenheiten der Patientin anpassen und gleichzeitig die klinische Sicherheit gewährleisten?
Das Konzept marime — wie kann die Hygienepflege so gestaltet werden, dass sie mit den Überzeugungen der Patientin bezüglich Reinheit und Unreinheit übereinstimmt?
Patientenautonomie versus familiäre Entscheidungsfindung — wie sollte man vorgehen, wenn die Patientin erwartet, dass Entscheidungen kollektiv getroffen werden?
Stereotype und Kommunikation — wie können Stereotype über Roma in der täglichen klinischen Arbeit erkannt und neutralisiert werden?
Kulturelle Bescheidenheit — wie unterscheidet sich kulturelle Bescheidenheit von bloßer «Toleranz» und wie kann sie die Qualität der Patientenversorgung beeinflussen?
Professionalität in Konfliktsituationen — wie bewahrt man eine professionelle Haltung, wenn die Emotionen der Patientin und der Familie stark sind.

Weitere Ressourcen

Kinga Lisowska, Majka Łojko (2024). Cultural Identity of Romani Women in Multigenerational Family Spaces. Kultura i Edukacja, Nr. 3 (145), S. 11–26.
Karol Parno Gierliński (2023). Women in the Romani Community – Language, Stereotypes, Rituals. Związek Romów Polskich (Polish Roma Association).
Agnieszka J. Kowarska (2022). Women's Leadership and the Everyday Life of Romani Families. Kultura Enter.

Zusätzliche Bemerkungen

Während der Nachbesprechung erhält der Studierende verstärkendes Feedback, das zur Aufrechterhaltung kultureller Offenheit ermutigt. Der Studierende erlebt die Wirksamkeit des EMPOWER-Modells in der Praxis. Diese Simulation eignet sich für Studierende der Pflege, der Medizin und verwandter Gesundheitsberufe. Die Charakterbeschreibungen müssen sorgfältig vorbereitet werden, um kulturelle Authentizität ohne Stereotypisierung zu gewährleisten.